Göttinger Straße

Ausblick im Bestand: Drei neue Wohnungen im Gründerzeithaus

Das fünfgeschossige Mehrfamilienhaus ist ein Zeugnis der Lindener Industriegeschichte. Um 1900 als repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus gegenüber den Produktions- und Lagerhallen der Hanomag errichtet, prägten ursprünglich Zwerchhäuser, Erker und reich gegliederte Fassaden das Erscheinungsbild. Nach einer teilweisen Zerstörung durch Bombeneinwirkung 1943 wurde das Gebäude ab 1945 in stark vereinfachter Form wiederaufgebaut. Dabei gingen die charakteristischen Dachaufbauten und Fassadendetails verloren; insbesondere im Dachbereich entstanden konstruktive und materialbedingte Defizite.

Entwurfshaltung
Der Entwurf versteht nachhaltige Stadtentwicklung als Weiterbauen im Bestand. Statt einer Rekonstruktion setzt die Planung auf die ressourcenschonende Transformation des vorhandenen Gebäudes. Durch die Aktivierung des bislang ungenutzten Dachraums entstehen drei zusätzliche Wohnungen im innerstädtischen Kontext – ohne neue Flächen zu versiegeln. Gleichzeitig werden die energetische Leistungsfähigkeit und die langfristige Nutzbarkeit des Gebäudes verbessert.

Architektonisches Konzept
Der Dachraum wird als eigenständige neue Schicht des Gebäudes ausgebildet. Der bestehende Dachstuhl wird zurückgebaut und durch eine neu strukturierte Dachkonstruktion ersetzt. Die Verlängerung des Treppenhauses schafft die Voraussetzung für die Erschließung der neuen Wohneinheiten.

Im Dachgeschoss entstehen drei Wohnungen mit offenen Grundrissen und gezielten Ausblicken in den Stadtraum. Über den bestehenden Fassadenerkern entwickeln sich neue, prägnante Gauben. Sie greifen die Typologie der im Krieg verlorenen Zwerchhäuser auf und übersetzen diese in eine zeitgemäße Architektursprache. Zink-Schablonendeckungen an den Gauben und graue Steindeckungen der Dachflächen verleihen dem Dachgeschoss eine eigenständige Materialität und machen die neue Nutzungsschicht gegenüber dem historischen Bestand ablesbar.

Fassadensanierung und Energieeffizienz
Die energetische Sanierung zum KfW-Effizienzhaus 55 WPB wird genutzt, um die Straßenfassaden neu zu ordnen. Unterschiedliche Dämmstärken, Gesimsprofile und farbliche Akzentuierungen schaffen eine zeitgemäße Interpretation der historischen Fassadengliederung.

Der bislang unauffällige Hauseingang wird architektonisch hervorgehoben und im Straßenraum der Göttinger Straße deutlich sichtbar gemacht. Alle Fenster und Außentüren werden erneuert und mit Dreifachverglasung sowie erhöhtem Schallschutz ausgestattet.

Weiterentwicklung
Hofseitig ist die spätere Ergänzung durch zwei Balkontürme vorgesehen; die bauliche Vorrüstung erfolgt bereits im Zuge der aktuellen Maßnahmen. Die Balkonzugänge aus dem Dachgeschoss werden über eigens gestaltete Gauben geführt.

Photovoltaikmodule auf den Dachflächen ergänzen das energetische Gesamtkonzept und leisten einen Beitrag zur regenerativen Energieversorgung des Gebäudes.

BauherrProf. Walpuski
NutzungWohnen
KategorieDachausbau, energetische Modernisierung
BauweiseMassivbau, Dachstuhl als Pfettenkonstruktion
Flächeca. 300 m² neue Wohnfläche im Dachgeschoss
Bauzeit2025 - 2026